Gewitter im Text: Schritte einer Überarbeitung

Wenn ich schreibe, habe ich die Vision einer großartigen Geschichte im Kopf. Nach Abschluss des Romans bleibt oft genug bei mir der Eindruck zurück, dass ich dieser Vision nicht gerecht geworden bin. Bei den Schritten, dee nötig sind, aus dem „Kraut und Rüben“ der ersten Version den Roman zu machen, den ich erzählen will, brauche ich Hilfe. Oft ist noch viel zu tun. Daher sind meine Überarbeitungen oft wie ein Gewitter, das über dem Text niedergeht. Hoffentlich eines, auf das blauer Himmel folgt. Welche Schritte ich dabei gehe, möchte ich hier mit euch teilen.

Zu eurer Unterhaltung enthält der Beitrag einige meiner Lieblings-Stilblüten, die Überarbeitungen zum Opfer fielen. Viel Spaß!

»Sein Kiefer ist verletzt. Kein Wunder, dass er nicht laufen kann.«

Schattenfluss

1. Alphalesen

Am besten ist es für mich, zwischen dem Abschluss der Rohfassung und der Überarbeitung einige Wochen verstreichen zu lassen – aber nicht so viel, dass ich mich schon kaum noch erinnere, was ich eigentlich schreiben wollte. Dann geht’s los.

Manche Autor*innen lassen sich bereits beim Schreiben von einer anderen Person begleiten, die Rückmeldung zu den einzelnen Kapiteln gibt. Ich ziehe es vor, diesen Schritt nach Fertigstellung des gesamten Manuskriptes zu gehen. Die Aufgabe der Alphaleser*innen ist es, eine grobe Rückmeldung zum Roman zu geben. Diese Rückmeldung zeigt, was gut bereits funktioniert und worauf beim Überarbeiten besonders geachtet werden muss. Ich empfehle, vorher gar keine Energie ins Überarbeiten zu stecken. Wieso? Ich sage es ungern, aber es ist möglich, dass der Roman, wie er ist, überhaupt nicht funktioniert. Man kann im „Schreibrausch“ Wesentliches übersehen, Probleme nicht überblickt haben, oder den Roman auf Elementen aufgebaut haben, die sich für einen selbst zwar großartig angefühlt haben – aber auch nur für einen selbst. In diesem Fall stellt sich die Frage, ob eine Überarbeitung überhaupt sinnvoll ist. Gewöhnlich würde ich in solchen Fälle nämlich das Konzept überarbeiten und neu schreiben. Oder, im allerschlimmsten Fall, das Projekt aufgeben. Und dann hätte ich nicht sinnlos Freizeit in ein ohnehin sinnloses Unterfangen gesteckt.
Will ich überarbeiten, was der Normalfall ist, geben mir die Rückmeldung der Alphaleser*innen meist einen Eindruck davon, wo es hakt, worauf ich achten sollte und wie lange die Überarbeitung in etwa dauern könnte (je nachdem, wie schwerwiegend und umfangreich die Kritikpunkte sind).

Dennoch war sie eindeutig tot: keine Atmung, ein Puls.

Keine Ahnung, ehrlich!

2. Welche Geschichte will ich erzählen, und welche wollen andere lesen?

Gelobt seien alle, die das schon wissen, bevor sie das erste Wort schreiben, die sich die gesamte Zeit über darauf konzentrieren und daher bei der Überarbeitung nur noch Feinschliff leisten müssen! Aber auch bei professionellen Autor*innen wird das nicht immer der Fall sein. Der ursprüngliche Plan kann vielleicht aus irgendwelchen Gründen nicht beibehalten werden, oder während des Schreibprozesses richtet sich die Aufmerksamkeit auf andere Punkte. Daher stelle ich mir diese Frage noch einmal, bevor ich mit der Überarbeitung beginne. Dazu notiere ich mir das grundlegende (gegebenenfalls neu überdachte) Konzept des Romans kurz – in einem Satz, wenn möglich –, und lege mir die Notiz an meinen Arbeitplatz oder hänge sie auf. Beim Überarbeiten wird sie mein Kompass sein. Immer, wenn ich zögere, kann ich mich fragen: Dient dieser Text/Dialog/Beschreibung/Abschnitt/… der Geschichte, die ich erzählen will? Bei mir kommt noch ein anderer Punkt hinzu. Meine eigenen Vorlieben für krasse Wendungen, düstere Stoffe u. ä. sind mit denen der Leser*innen nicht immer deckungsgleich. Leider! Denn Schreiben macht mir zwar viel Spaß, aber letzten Endes tue ich es, damit andere die Texte lesen und Freude daran haben. Mithilfe der Rückmeldungen, die ich bis hierher erhalten habe, überlege ich, welche Kompromisse ich eingehen kann und will. Ist ein versöhnliches Ende wirklich ausgeschlossen? Müssen einige Handlungen so drastisch ablaufen, oder will ich lieber die Nerven der Leser*innen schonen? Meiner Erfahrung nach werden die Elemente, die ich hier neu konzipiert habe, letzendlich besonders gern gemocht.

Der alte Priester umklammerte seine schupferne Köpfkelle wie eine Keule.

Galotta III, Der Aschengeist

3. Grobschliff

Mit der Rückmeldung der Alphaleser*innen und meinem pointierten Konzept mache ich mich an den Grobschliff. Je nachdem, wie viel zu tun ist, dauert diese Phase ziemlich lange. Ich streiche, schreibe neu, ergänze, mache auch bereits eine stilistische Überarbeitung, wenn ich kann. Auch achte ich auch darauf, ob sich die Figuren konsistent verhalten (falls nicht, haben die Alphaleser*innen in der Regel bereits darauf hingewiesen) und ob es Widersprüche innerhalb der erzählten Welt gibt. Das ganze Programm eben. Dabei kann ich alles, was ich ändere, auf Grundlage meiner Notiz prüfen, ob es seinen Zweck im Roman erfüllt. Ach ja: Was mir nicht zwingend notwendig erscheint, was ich aber besonders mag, bleibt erstmal im Text. Ist ja schließlich mein Roman, und streichen kann ich es später immer noch. 😉
Ich benutze beim Schreiben übrigens einen Farbcode, der mir zeigen soll, wo ich selbst Überarbeitungsbedarf sehe. Rohfassungen sind daher bei mir oft quietschbunt. Mein Ziel ist, nach dem Grobschliff wenigstens alle gelben Markierungen (inhaltliche Fragen) getilgt zu haben; möglichst viele der anderen Farben auch.

Highland Quest

4. Betalesen

Die Betaleser*innen nehmen quasi das Lektorat vorweg. Ihre Anmerkungen sind wesentlich detaillierter als die der Alphaleser*innen. Sie achten auf Formulierungen, Szenenaufbau, Feinheiten in der Charakterisierung, und, wenn möglich, auch auf Rechtschreibung und Zeichensetzung. Das ist eine Aufgabe für die gründlichen Naturen, die gern Kommentare am Computer in ein Dokument tippen. Hier sind mir Personen am liebsten, die noch nicht „alphagelesen“ haben, die nichts von den Problemen wissen, mit denen ich mich bislang herumgeplagt habe. Ich gehe optimistisch davon aus, dass zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch viel am Roman zu verbessern ist, aber alle grundlegenden Schwierigkeiten behoben sind. Sollte das nicht der Fall sein: Was für ein Glück, wenn es beim Betalesen auffällt (das wird es gewöhnlich).
Die Arbeit der Testleser*innen kann sehr zeitaufwändig sein. Es ist empfehlenswert, bei Alpha- und Betaleser*innen auf Gegenseitigkeit zu achten. Wer so viel Zeit aufwendet, um deine Geschichten besser zu machen, verdient auch dieselbe Aufmerksamkeit von dir. Wenn die Personen nicht selbst schreiben, ist ein späteres Exemplar des fertigen Buchs absolutes Minimum.

Gern hätte sie seine Familie benachrichtigt. Welche Familie? Seine Mutter war offenbar tot, und sonst hatte er nur ein Frettchen erwähnt, um dessen Schwester er sich kümmerte.

San Turaco I, Wiegenlied

5. Feinschliff

Mit den Anmerkungen der Betaleser*innen gehe ich den Text noch einmal durch. Wenn weitere inhaltliche Probleme aufgefallen sind, werden die erst einmal behoben, dann geht es an die Feinarbeit. Gewöhnlich komme ich hier schneller voran als beim „Grobschliff“. Einerseits natürlich, weil ich vieles dann schon erledigt habe, andererseits aber auch, weil mir das Formulieren persönlich leicht fällt. Meine Probleme treten eher bei den Inhalten auf.
Für die Feinheiten der stilistischen Überarbeitung kann ich noch immer die Tipps von Sol Stein empfehlen („Über das Schreiben“). Das Buch ist zwar schon etwas älter, aber seine Hinweise zum Streichen und zur Wortwahl finde ich heute noch brillant und habe viel darauf gelernt. Hilfreich beim Finden von Wortwiederholungen ist die Stilanalyse des Schreibprogramms Papyrus Autor.

Bei aller Wucht der Attacken trafen die Klingen nur selten aufeinander. Wenn es geschah, klirrten und klangen sie wie brechendes Ei.

Ritter und Henker

6. Rückmeldung vom Profi und letzter Schliff

Zu diesem Zeitpunkt ist das Manuskript so gut, wie ich es mit Unterstützung der Alpha- und Betaleser*innen hinbekommen habe. Perfekt ist es wahrscheinlich noch nicht. Vielleicht muss es das auch nicht sein; eventuell reicht „gut genug“ aus. Um ihm den letzten Schliff zu verleihen, ist aber professionelle Rückmeldung nützlich oder häufig sogar vorgesehen – nämlich gewöhnlich dann, wenn eine Verlagsveröffentlichung ansteht. Der Text geht durch ein Lektorat und kommt mit weiteren Verbesserungsvorschlägen vom Profi zurück. Jetzt stehen die letzten größeren Änderungen vor der Veröffentlichung an. Meine persönlichen Erfahrungen mit Lektoraten sind sehr positiv. Die Verlagslektorinnen, mit denen ich gearbeitet habe, haben alles getan, um das Beste aus meinen Texten herauszuholen. Das war eine großartige Erfahrung, bei der ich viel gelernt habe. Je nachdem, wie eng die Zusammenarbeit mit dem Lektorat ist, können hier sicher einige der anderen Phasen ersetzt und hierdurch viel Zeit gespart werden. Wenn ich mich für Selfpublishing entscheide, kann ich ein gekauftes Lektorat in Anspruch nehmen. Hier fehlen mir bislang die Erfahrungen, aber ich wäre sehr neugierig. Ob eine Person, die nicht vom Verlag, sondern von mir bezahlt wird, so kritisch mit meinem Text umgeht, wie ich es mir wünsche, damit das Geschriebene letzten Endes meiner ursprünglichen Version von einem großartigen Roman entspricht? Oder kann ich mithilfe der Testleser*innen den Text bereits auf so hohes Niveau bringen, dass ein Lektorat nicht nötig ist? Noch bin ich unsicher. Die Antwort auf diese Frage wird mir wohl die Zukunft zeigen.

Nicht alle Autor*innen überarbeiten so viel und so umfangreich wie ich, das weiß ich. Vermutlich ist mein Vorgehen auch einem gewissen Perfektionismus geschuldet, hohen Ansprüchen an mich selbst – und der Tatsache, dass ich für meine Geschichten immer nur das Beste will. 😉

Soweit meine Zusammenfassung der Schritte, die ich beim Überarbeiten gehe. Hoffentlich waren sie hilfreich für euch. Wünscht ihr euch noch genauere Informationen über Einzelheiten? Wie überarbeitet ihr eure Texte? Gibt es Ähnlichkeiten oder Unterschiede? Für wie wichtig haltet ihr die einzelnen Phasen? Und an die Leser*innen: Glaubt ihr, man merkt einem Text an, wie stark er überarbeitet wurde?

Das Gewitter lässt nach; ich erkenne schon einen Regenbogen. Liebe Grüße und frohes Überarbeiten!

Eure Kaja


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