„Schule der Macht“ fertig!

Schon immer habe ich Autoren bewundert, die lange an einem Buch arbeiten, z. B. Otfried Preußler, der zehn Jahre lang an „Krabat“ geschrieben haben soll. Das Buch muss besonders gut werden, wenn man so lange darüber nachdenkt, habe ich mir immer gesagt. Auf „Krabat“ trifft das ja auch zweifelsfrei zu. Jetzt kann ich mich selbst bald in diese illustre Riege einreihen, jedenfalls was die Arbeitsdauer angeht. Meine „Vhaskalia“ wird demnächt zehn Jahre alt, und ich konnte endlich die Rohfassung des ersten Bands fertigstellen. Natürlich freue ich mich, aber andererseits frage ich mich: Warum hat das eigentlich so lange gedauert?

Zeit für einen Rückblick. Es ist auch ein Rückblick darauf, was ich in den letzten neun Jahren meines Lebens getan habe.

Die „Vhaskalia“ – zu diesem Titel gleich mehr – war der zweite Kessel-Roman, der mir nach „Schattenfluss“ in den Sinn kam. Ich wollte ihn unbedingt schreiben. Damals fing ich gerade mit meiner Dissertation über das Bürgerkriegsepos des römischen Dichters Lucan an. Lucans Epos heißt – na? – Pharsalia, benannt nach der Schlacht bei Pharsalus, die den Höhepunkt der Handlung markiert. Bei mir sollte es ursprünglich eine Schlacht bei der Wüstenstadt Vhaskalar geben, also nannte ich mein Epos entsprechend „Vhaskalia“. Und so heißt es heute noch, obwohl längst keine Schlacht bei Vhaskalar mehr vorkommt, einfach weil nichts länger hält als ein Provisorium.

Lucans Pharsalia war nicht nur für den Titel ein Vorbild. Wie er wollte ich drei Gestalten in den Vordergrund stellen, die für die politischen Ereignisse eine wichtige Rolle spielten. Bei Lucan sind es Caesar, Pompeius und Cato, bei mir waren es – Juma Kivan, knallharte Feldherrin, Jeskar Staubtrinker, ausgebooteter Ex-Feldherr und Silial Urnenträger, starrsinniger Vertreter übrkommener Werte. Entsprechend hatte ich drei Teile eingeplant, für jede dieser wichtigen Personen eine. Aber irgendwie funktionierte das nicht so recht. Jeskar, mein Pompeius, rückte beim Plotten mehr und mehr aus dem Fokus meiner Aufmerksamkeit, dafür drängte sich eine Figur in die Handlung hinein, mit der ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Atanis, seines Zeichens Sohn vorangegangener Hauptfiguren, hochadlig, gutaussehend, durch und durch verplant. Mit Atanis begannen die Probleme. Denn er machte sich in der Geschichte breit, weigerte sich, sie zu verlassen, obwohl er offenbar nichts Sinnvolles beizutragen hatte. Das Mehrperspektiven-Epos, das sich eigentlich um den Untergang der Kessler Oligarchie drehen sollte und keineswegs um Atanis, wurde mehr und mehr zu seiner persönlichen Bühne. Damit zerschoss er meinen Plan, und die „Vhaskalia“ blieb zunächst einmal liegen.

In den nächsten Jahren machte ich mehrere Versuche, das Konzept von Atanis zu ändern, um ihn zu einer besseren Hauptfigur zu formen. Alle scheiterten. Zwischendurch gab es auch mehrere Ansätze, das Konzept für die gesamte Romanreihe zu ändern, z. B. in mehrere Einzelbände, von denen sich jeder mit dem Schicksal einer Figur befassen sollte. Aber auch das funktionierte nicht. Allmählich dämmerte mir der Grund. Hunderte Stunden Gedanken waren bereits in diese Romanwelt geflossen. Ich hatte am Leben der Figuren teilgenommen, wenn auch nur im Kopf. Diese Welt war so real, wie eine fiktive Welt nur sein kann. Und in der realen Welt lassen sich Fakten auch nicht beliebig ändern. Menschen ebenso wenig.

Meine Dissertation war längst fertig. Lucan begleitete mich nicht mehr 24 Stunden am Tag, aber die Vhaskalia gab es noch. 2014, nachdem ich schon einige andere Kessel-Romane geschrieben hatte und mich dieser immer noch umtrieb, startete ich eine Offensive zur Rettung des Projekts. Ich wollte diese Reihe endlich schreiben und herausfinden, ob ich wie George Martin in der Lage sei, eine komplexe Handlung aus mehreren Perspektiven zu schreiben. Ich entdeckte eine weitere Person, die eine Rolle im Geschehen spielte: Landra, Silials Tochter aus geschiedener Ehe. Sie war super: intelligent, pummelig, intrigant und verletzlich. Ich wusste, mit ihr hatte ich eine Figur erwischt, die mir helfen würde, alle Knoten in der Handlung zu lösen. Außerdem verlagerte sich der Schwerpunkt der Handlung im ersten Teil von Bürgerkrieg auf Volkaufstand. Bürgerkrieg, erkannte ich, war erst der zweite Schritt.

An einem schönen Augusttag der großen Semesterferien saß ich im Park, sah den Gänsen beim Weiden zu und plottete. Ich plottete jeden einzelnen Handlungsstrang jeder Figur detailliert durch, bis ich eine sinnvolle Handlung hatte. Episch, aus mehreren Perspektiven. Dann fing ich mit flammender Motivation an zu schreiben. Ich hätte wahrscheinlich den Roman fröhlich heruntergeschrieben, wenn mir das Schickal zu dieser Zeit nicht ein paar heftige Tritte in den Hintern versetzt hätte. Trotzdem schrieb ich noch eine Weile, bis es wirklich nicht mehr ging. Dann blieb der Roman, fertig geplottet, wieder liegen. Und da lag er fast zwei Jahre. In dieser Zeit habe ich an anderen Projekten gearbeitet. Leider nicht so viel, wie ich wollte, da ich aus beruflichen Gründen kaum Freizeit hatte. Erst Anfang 2017 kam mir die Vhaskalia wieder in den Sinn, und ich beschloss, sie endlich fertig zu schreiben. Aus Prinzip. Aber Atanis war nach wie vor ein Problem. – Wie hatte ich inzwischen gelernt? „Akzeptiere es, wenn du nichts dagegen tun kannst.“ Das tat ich also und ließ Atanis machen. Und er machte. Er eierte durch die Geschichte, stieß überall an – aber er eierte trotzdem mehr oder weniger vorwärts.

Freizeit hatte ich noch immer nicht, doch ich setzte mich jeden Tag zwischen 5 und 6 Uhr morgens hin und schrieb möglichst 500 Wörter. Änderungen im Plot ergaben sich noch immer. So tauchte Atanis‘ bester Freund Maras, den ich dereinst aus der Handlung gestrichen hatte, wieder auf – und verliebte sich auch noch sehr niedlich in ihn. Ansonsten blieb aber das Meiste tatsächlich so, wie ich es vorgesehen hatte. Irgendwann erkannte ich, dass ich es schaffen würde. Dann, dass es bald soweit sein würde. Und jetzt liegt die Rohfassung fertig vor mir. Ich habe zwar noch ältere unfertige Romane, aber dieser hat eine besondere Geschichte hinter sich. Es ist der, um den ich am meisten gekämpft habe.

Im Rückblick scheint manchmal alles einen Sinn zu ergeben. Der Roman ist viel komplexer geworden, als ich ihn ursprünglich geplant hatte. Ob das gut ist, weiß ich nicht, aber es ist so. Was Atanis betrifft: Mittlerweile ist mir klar, dass Leute wie er (bzw. ein System, das Leute wie ihn unterstützt) letzten Endes ein Grund sind, warum die Kessler Oligarchie untergehen muss. Er ist schon an der richtigen Stelle.

Und ich habe noch einiges vor. Auch wenn ich mich voraussichtlich zunächst wieder magischereren, weniger antiken Szenarien zuwende: Irgendwann werden vertraute Figuren des Kessler Romanzyklus sterben. Jeskar Staubtrinker wird zurückkehren zu den Klängen seines Theme Songs „Big in Japan“. Und Atanis wird die Konsequenzen seines Verhaltens erkennen und Verantwortung dafür übernehmen müssen. Ob es dann nicht bereits zu spät ist? Wird ihm Maras immer noch den Rücken freihalten? Und die wichtigste Frage, natürlich: Wird sich Landra dazu durchringen, die Nacktkatze ihres Mentors zu baden? Na, ich werde die Antworten erfahren, früher oder später.

Was ich mir wünsche: Andere zu finden, denen dieser Roman so am Herzen liegt wie mir. Vielleicht bist du ein(e) Kandidat(in) dafür; immerhin hast du bis hier mitgelesen. Danke dafür! Vale, valete!

Eure Coppelia

2 Replies to “„Schule der Macht“ fertig!”

  1. Maja

    Ich freue mich, dass die Geschichte endlich fertig ist, und hoffe, dass du nach der Fertigstellung in kein Loch fällst, wie es mir nach der „Gauklerinsel“ gegangen ist – ich war damals regelrecht unglücklich, nicht mehr an dem Buch schreiben zu können. Und in dem, was du über die Entstehung der Vhaskalia schreibst, finde ich mich sehr wieder. Bei mir waren das klassische Vorbild allerdings griechische Tragödien. 😉
    Ich hoffe, wir werden noch viel von diesem Buch hören!

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    • Coppelia Autor dieses Beitrags:

      Griechische Tragödien sind auch ein ausgezeichnetes Vorbild. 🙂

      Ganz lieben Dank für deine freundlichen Worte. Einen Roman zu beenden ist für mich ein bisschen wie das Ende einer Beziehung. Wenn es eine schöne Zeit war, ist der Abschied immer schmerzhaft und das „Loch“ garantiert. Das war bisher noch jedes Mal so und gehört dazu. In diesem Fall ist die Geschichte natürlich noch nicht abgeschlossen, und ich habe auch schon Ideen für andere Romane gehortet. Aber ich finde es gar nicht so einfach, über Figuren zu schreiben, die man erst seit ein paar Wochen und nicht schon seit Jahren kennt – über die weiß man ja kaum etwas. 😉

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